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Fotos: Ralph Kühne

Nach dem Austoben als Möchtegern-Rockbraut im Solo «I-Guitar» entwickelt Irina Lorez eine Reihe von eigenen Tracks mittels reduzierten Körperbewegungen und ihrer elektrischen Gitarre. I-Guitar ist der Bandname, bestehend aus dem «I» für Irina Lorez und «Guitar» für die elektrische Gitarre. «Songlines» ist der Name des Albums. Mit «Berlin» hat Irina Lorez das erste Musikstück am diesjährigen Tanzfest in Luzern aufgeführt.

Im Anschluss an ihre Welttournee durfte ich Irina zu ihrem neuen Projekt befragen:

Wie bist du zu dieser Idee gekommen?

Als Kind habe ich gerne auf dem Klavier, das wir zu Hause hatten, improvisiert. Obwohl ich eigentlich nicht spielen konnte, habe ich dauernd gespielt. Später als Tänzerin, «hörte» ich auf meine Bewegungen, was mir mehr half als der Spiegel. Eine eigene Musik zu meinem Tanz zu kreieren fasziniert mich, ganz besonders im direkten Spiel. Tanz zur Musik, Musik zum Tanz kennt man, jedoch nicht, dass beides genau zum selben Zeitpunkt entsteht. Nach 17 Jahren Tanz finde ich es richtig entspannend, wenn für einmal nicht die Bewegung im Vordergrund steht.

Wie entwickelst du deine Musik?

Jeden Song baue ich ganz unterschiedlich auf, aber alle haben dieselbe Regel: Nicht mit den Fingern spielen, die Klänge nur durch Bewegungen erzeugen.

Was für Möglichkeiten hast Du, um Töne herzustellen?

Ich habe den Körper und die Bewegung, wenn ich den Oberkörper über der Gitarre kreise, «peitschen» die Haare auf die Saiten. Dies ergibt einen ganz anderen Klang, als wenn ich mich zum Beispiel mit den Knien von der Gitarre abstosse. So locke ich mittels Bewegung Klänge aus der Gitarre, die mit Effektgeräten, wie einem Verzerrer oder einem Loopgerät verändert, und zu einer Komposition zusammengefügt werden. In «Berlin» hat jede Bewegung einen anderen Klang. So loope ich Schicht um Schicht und füge immer wieder neue Elemente dazu – vom Solo zum Orchester.

Ich bediene mich aber nicht in allen Stücken solcher Geräte. Mich interessiert es auch einen Stimmungssound zu erzeugen, der ohne Bewegen nicht mehr klingt. Wie im Song «Kathmandu»: Da wird die Gitarre zwischen meinen Armen und Beinen ins Beben geraten und auch wieder verstummen. Es ist merkwürdig, als ich mit den Proben zu diesem Song begann, erfuhr ich tags darauf von der Katastrophe in Nepal.

Haben alle Songs Städtenamen als Titel?

Ja, ich möchte immer einen Ortsbezug herstellen. Für mich hat jeder Ort seinen eigenen Klang. Ich plane vorerst vier Songs. Ich nenne sie «Berlin», «Kathmandu», «Krakau Blues» und «Paris dix». Ein Song dauert zwischen zehn und zwanzig Minuten. Sie können einzeln oder als «Album» aufgeführt werden.

Warum gerade Städte?

Ich habe in so vielen Städten gelebt und gearbeitet. In manchen fühlte ich mich sofort wohl und gut organisiert, in anderen bewegte ich mich mit einer gewissen Distanz und Orientierungslosigkeit. In Paris zum Beispiel bewegte ich mich wie eine Katze in ihrem Revier. Zu Fuss entdeckte ich Kreis um Kreis die Stadt, bis ich fast jede Ecke wie meine Westentasche kannte.

Als ich während einer Reise durch Polen nach Krakau kam, hielt ich es kaum aus. Ich musste stets weinen, so stark zog es mich in die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg.

Doch ich lasse dem Zuschauer seine Assoziationen zu den Städten offen, damit er sich im eigenen Kopfkino ausleben kann.

Passen diese Songs auf eine Theaterbühne?

Das kommt ganz auf den Kontext an. Wenn es um eine Tanzpreisjurierung geht, passen sie nirgends hin. Wenn das Publikum jedoch weiss, es erwartet sie eine Art Körperkonzert, dann ist der Ort sekundär. Ich stelle mir vor, dass ich die einzelnen Songs als Vorgruppe im Bereich der experimentellen oder elektronischen Musik zeigen kann. Das gesamte «Album» wird in einem dramaturgisch ausgearbeitetem Ablauf aufgeführt. Doch vieles ist möglich und die Orte können sowohl Clubs, Galerien und Fabrikhallen als auch Theaterbühnen sein.

Du bist dich gewohnt, als Tänzerin bewertet zu werden. Scheut dich die Kritik von Musikern nicht?

Nein, aus verschiedenen Gründen: 1. Ich finde Musiker generell ein offeneres «Volk» als Tänzer. 2. Wenn es jemandem nicht gefällt, bin ich viel unbelasteter, da niemand Erwartungen an mich stellt. Auch ich nicht (lacht). 3. Natürlich interessieren mich die Meinungen der Musiker. Wenn zum Beispiel Patrick Müller nach der Performance von «Berlin» in der Gewerbehalle (Im Rahmen vom Tanzfest Luzern) sagt: «Ein gutes Musikstück hast du da gespielt.», freut mich das sehr. Und sicher ist das viel passender, als wenn er gesagt hätte: «Gut hast du getanzt.».

Wenn der Song so wichtig ist, warum muss man dann die Bewegung sehen?

Weil der Zuschauer unbedingt am Prozess teilnehmen muss, um zu sehen und zu hören, was in diesem Moment vor seinen Augen entsteht. Denn wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Der Klang, bzw. die Komposition, gibt es danach nicht mehr. «Songlines» ist sozusagen ein ephemeres Album.

Ein Beispiel: Wenn ich Musik vom Tonträger höre, brauche ich die Band nicht spielen zu  sehen. Aber wenn ich einen Vogel singen höre, möchte ich ihn auch sehen.

Was gibt Dir den Anstoss zum Namen des Albums «Songlines»?

«Songlines» heissen die Lieder der Ureinwohner Australiens, die gesungene Wanderkarten sind und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Mit meinen «Songlines» gebe ich meine Klangbilder der ausgesuchten Städte weiter.

Zum Schluss noch eine letzte Frage: Was hast du für einen Bezug zur Gitarre?

Die Gitarre im Solo «I-Guitar» habe ich als emotionales Wunschobjekt benutzt. Jetzt ist sie einfach Materie, die sich transformieren lässt. Ich habe weder symbolische, konkrete noch erotische Absichten. Ich liebe den Klang der E-Gitarre. Er ist so facettenreich, mal rauh, heulend, sperrig, melodisch, reduziert etc.. Aber diese Gitarre meint es besonders gut mit mir. Denn seit «I-Guitar» ist sie trotz heftigem Treten und Schlagen immer noch ganz.

Besten Dank Irina. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit diesem Projekt.

Das Interview führte Irina

Aufführungen:

15.02.2017 Kleintheater Luzern, Premiere / Doppelabend mit Shneior/Gassmann
17.02.2017 Kleintheater Luzern / Doppelabend mit Shneior/Gassmann
17.03.2017 Helsinki Zürich
25.03.2017 Bau4 Altbüron
02.06.2017 Alte Schreinerei Sarnen / Doppelabend mit Ill & Üenzli
15.09.2017 Burgbachkeller Zug

Einzelstücke
23.04.2016, «Berlin» | Nacht der Halbinsel, Zwischenbühne Horw
10.03.2016, «Berlin» | Im Rahmen von Tanzfaktor, Südpol Luzern (Ausschnitt im Video von arte tv)
08.05.2015, «Berlin» | Tanzparcours Luzern

Unterstützt von:

Werk- & Förderpreis der Albert Köchlin Stiftung | Fuka-Fonds Luzern | Kanton Obwalden Swisslos | Regionalkonferenz Kultur | Migros Kulturprozent | Gemeinnützige Gesellschaft Luzern | Gemeinde Emmen

Downloads

A3-Plakat I-Guitar Sonlines
Postkarte I-Guitar Songlines

Feedbacks

Carina Odermatt auf Kulturteil.ch

Lorez und ihre Gitarre vermögen die Räumlichkeiten des Kleintheaters völlig für sich einzunehmen. Nicht nur die Tänzerin, auch das Publikum scheint in einer Art Trance zu schweben. Bestimmt rührt dieser Zustand auch daher, dass die Performerin sich für alles genügend Zeit nimmt. Für das Schreiben der Städtenamen, fürs Wassertrinken und natürlich für eine langsame Steigerung der Bewegungen und der Musik. Den tosenden Applaus hat Irina Lorez mehr als verdient.

und Edith Arnold für die Luzerner Zeitung

«Chicago» inszeniert sie durch maschinelle Beinbewegungen industriell, «Kathmandu» wie eine Klangschale. Interessant ist «Berlin»: Mit ihren knapp schulterlangen Haaren rockt sie über der Gitarre auf dem Boden, was ohrenbetäubende Geräusche entfacht. Zuckerbrot und Peitsche? Fast tonlos und deshalb kalt ist der letzte Akt. Tatsächlich: «Helsinki»! Das sind tolle Experimente.

mit Ihrer Sicht zum Doppelabend Tanz im Kleintheater mit der Premiere von I-Guitar Songlines.

Und hier noch ein Interview von Irina mit der Sprechstunde auf Radio 3fach: