Hair (ongoing)

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Erinnerung, Transformation und Vergänglichkeit

Happiness Is A Warm Gun, 2024

44 x 32 cm, Menschenhaar, Spielzeugpistolen, MDF, Acrylfarbe

Don’t Let Me Down, 2024

59 x 42 cm, Fotografie in Holzrahmen, Menschenhaar (1/5)

I Want To Hold Your Hand, 2016 – heute

2 Holzstühle & Bistrotisch, Menschenhaar

Die Arbeit an der Serie «Hair» hat sich für mich zu einem Langzeitprojekt entwickelt. Schon seit meiner Kindheit hat das Haar für mich eine tiefere Bedeutung, die weit über blosse Schönheit und Ästhetik hinausgeht. Haare sind für mich zu einem Medium geworden, um innere Veränderungen nach aussen zu tragen. Diese persönliche Symbolik hat sich bereits im frühen Alter manifestiert: Mit drei Jahren schnitt ich mir in einer impulsiven Nachtaktion meine Locken ab, was bei meiner Mutter am nächsten Morgen einen Schock auslöste. War es der Wunsch, Aufmerksamkeit zu erregen, oder ein Bedürfnis nach Selbstausdruck? Auch heute bleibt die genaue Motivation unklar, doch es markierte den Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit der Bedeutung von Haaren.

Diese Faszination erstreckte sich nicht nur auf mich selbst, sondern auch auf meine Umgebung. Als Kind schnitt ich auch den Puppen die Haare ab, was schliesslich dazu führte, dass ich das Puppenspiel aufgab und mich dem Bauen mit Lego zuwandte. Mit zehn Jahren wiederholte sich dieses Ritual: Erneut schnitt ich mir das lange Haar ab, möglicherweise als Versuch, meine verletzliche Seite zu verbergen und Stärke nach aussen zu zeigen. Das Haar wurde zum Symbol für Verlust und gleichzeitig für den Neubeginn – eine Dualität, die bis heute meine Arbeit durchzieht.

Ein besonders prägendes Erlebnis ereignete sich nach dem Tod einer meiner Kindheitskatzen. In der Trauer schnitt ich ein Stück ihres Fells ab und schluckte es, in dem Glauben, sie so für immer bei mir tragen zu können. Dieses Ritual verdeutlicht, wie Haare in meiner künstlerischen Praxis als Verkörperung von Erinnerung und Lebenszyklus fungieren – Sterben, Vergehen und Wiederaufleben. Tatsächlich ist es bekannt, dass Haare auch nach dem Tod weiterwachsen, als ob sie den endgültigen Tod herausfordern würden.

Vor neun Jahren begann ich, dieser symbolischen Kraft des Haares noch stärker nachzugehen. Ich sammelte Haare aus verschiedenen Teilen der Welt – sowohl aus meinem persönlichen Umfeld als auch aus zahlreichen Coiffeursalons. Mit diesem Material fing ich 2016 an, zwei Stühle und einen Bistrotisch zu bedecken. Wenn ich an dieser «Skulptur» arbeite, habe ich das Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes im Café du Monde zu sitzen und lade in Gedanken zum Dialog ein: Menschen sitzen sich gegenüber und setzen sich mit den hellen und dunklen Seiten des Lebens auseinander. Das gemeinsame Ziel ist es, Konflikte friedlich zu lösen und sich letztlich versöhnend die Hand zu reichen, in Anlehnung an das berühmte Beatles-Lied «I Want To Hold Your Hand».

Diese Konfrontation des «face to face» erfährt in meinem neuesten Werk «Happiness Is A Warm Gun» eine weitere Steigerung. Auf den ersten Blick wirkt das Werk schockierend: Zwei behaarte Revolver sind sich gegenüber, die Frage des Abdrückens scheint im Raum zu schweben. Doch der eigentliche Kern der Arbeit liegt in der Zweideutigkeit. Die Revolver, durch menschliches Haar bedeckt, repräsentieren einerseits Geborgenheit, andererseits aber auch die Absurdität von Gewalt. Das Werk steht als Plädoyer gegen Krieg und Gewalt, indem es den Akt des Schiessens durch die menschliche Verbindung unterläuft.

In «Don’t Let Me Down» bezieht sich die Auseinandersetzung mit Haaren erneut auf persönliche Beziehungen. Als ich meinem Mann die Haare schnitt, erinnerte mich sein herabfallendes Haar an Blätter, die im Herbst vom Baum fallen – eine Metapher für den Zyklus von Verlust und Neubeginn. Die Fotografie dieses Moments wird durch die Präsenz beim Einrahmen echter Haare im Bild noch verstärkt und verleiht dem Werk eine zusätzliche Dimension der Vergänglichkeit und Intimität.

Weitere Projekte rund um das Thema Haar sind in Arbeit, darunter auch ein Langzeit-Prozess, inspiriert vom Beatles-Song «Here Comes The Sun», das voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren abgeschlossen sein wird.